Elbspitze 2013

735 km, 12.000 Hm, davon allein 5000 Hm auf den letzten 160 km. So lesen sich die Eckdaten zur diesjährigen Elbspitze am 28.-29.06.2013. Ziel dieses Dresdner Ultrabergmarathons war in diesem Jahr der berüchtigte Mt. Zoncolan in Italien. Für die von euch die die Tour nicht kennen: Man fährt in einer Gruppe (dieses Jahr 23 Mann) nonstop mit kurzen Verpflegungspausen von Dresden zum Ziel. Zwischendurch werden an einzelnen Bergen Wertungsprüfungen abgehalten bei denen Punkte für das Bergtrikot gesammelt werden.
Meine Erlebnisse dieser Monstertour habe ich euch hier mal zusammengefasst. Der Bericht ist etwas länger geworden, aber es war eben auch eine lange Tour.
Eigentlich hatte ich mir nach meiner Elbspitzteilnahme im letzten Jahr gesagt: „einmal reicht“. Zu groß waren die Qualen, zu schlimm die Schmerzen im Knie, die mich auch noch lange nach der Tour 2012 begleiteten. Doch ist der Schmerz einmal vorbei, vergisst der menschliche Körper eben sehr schnell, wie sich das damals angefühlt hat, so dass im Herbst die Lust auf eine erneute Teilnahme aufkeimte. Da ich in 2012 unerwartet gut gefinisht hatte, kam gleichzeitig tief in mir der Traum von etwas noch Größerem auf. Allein das Tragen des „normalen“ Elbspitztrikots lässt mich 2 km/h schneller fahren. Wie würde sich das wohl mit einem gewonnen Wertungstrikot anfühlen? Das Projekt begann. Das Rad musste leichter werden und ich natürlich auch. Mein im November geborenes Töchterlein würde es mir ermöglichen Elternzeit zu nehmen und ein ausgedehntes 2 monatiges Trainingslager in Spanien und Frankreich zu absolvieren. Die Rahmenbedingungen waren also ideal. Bis zum Beginn der Elbspitze bescheinigte mir mein neuer Trainingspartner „STRAVA“ eine gute Form. Gleichzeitig musste ich natürlich zur Kenntnis nehmen, wie die Konkurrenz ebenfalls Fabelzeiten in die Berge kloppte. Die Vorfreude stieg.
Als ich am Freitagmorgen an den Start rollte, stand meine Taktik fest. An erster Stelle stand natürlich ankommen, was für diese Hammerstrecke keine Selbstverständlichkeit sein würde. Das Wetter dachte ich mir, würde dieses Jahr nicht den Ausschlag geben. Schlimmer als 2012 konnte es eigentlich nicht kommen. Das größte Fragezeichen stand wie immer hinter meinem Knie. Ich wollte mich aus den großen Bergschlachten in vorderster Front raushalten und nur hier und da ein paar Punkte einsammeln. Das letzte Jahr hat mir gezeigt, dass Thomas Hoffmeister, Sten Währisch und Sirko Bubel jeden Berg mit einer Genugtuung auf Anschlag fahren und das eben auch können. Das wäre einfach zu viel für mich. Der Kampf um Rot kam für mich auch nicht in Frage. Zu groß die Gefahr des Totalausfalls wie letztes Jahr bei Alex und auch dieses Jahr wieder bei Martin. Also immer mal mit führen, aber dosiert ohne sich total zu schrotten. Da ich wusste, dass das grüne Sondertrikot sehr hart umkämpft sein würde, wollte ich mich auch hier raushalten. Blieb also nur noch ganz bescheiden Gelb. Das klingt abgehoben, ist aber wie ich finde, der Weg des geringsten Wiederstandes, da man eben nur auf dem letzten Teilstück ordentlich zünden muss. Die Fahrt konnte beginnen.
Das Einrollen nach Moldawa fühlte sich schon mal viel entspannter an als im Vorjahr. Auch die Eröffnung der 1. Bergwertung mit den davonfahrenden üblichen Verdächtigen wirkte auf mich nicht mehr so außerirdisch. Ich war der Überzeugung, dass ich das Tempo hätte durchaus mitgehen können, aber ich hielt mich zurück. Für die 2. Bergwertung in Plasy hatte ich mir vorgenommen mal mit reinzuhalten. Leider hielten sich die Bergfahrer hier erst mal zurück und stachelten stattdessen Enno an, sich die Wertung zu holen. Dieser fuhr wie begast und war kurz vorm zerbersten, was er kurz darauf dann auch tat. Danach gings dann zum Glück doch noch los und ich hängte mich an das Hinterrad von Sten. Thomas zog an und riss ein kleines Loch. Sten fuhr dieses kurz darauf zu und ging gleich vorbei. Als plötzlich auch Sten rausnahm sah ich meine Chance und zog durch. Erster. Für mich war die Elbspitze hier schon gelaufen. Nach diesem kurzen Hoch kam prompt die Ernüchterung. Rauf zum Böhmerwald ging nichts. Obs am Essen oder Trinken lag, weiß ich nicht. Vielleicht hatten mich auch die Führungskilometer neben dem frisch gebackenen Ultraradmarathonweltmeister bei Puls 170 zu viele Körner gekostet. Wahnsinn was Zdenek da so in der Ebene drückt. Ich hatte jedenfalls am Berg große Mühe an Björn dran zu bleiben. Auch die anderen alten Herren um Thomas Geiger, Opa Jens und Rolf sahen entspannter aus. Nach der 2. Verpflegung musste ich also irgendwie wieder regenerieren aber der Magen rebellierte. Ich musste auf die Hütte, aber wie. Da Feld rollte und rollte. Dann der langerhoffte Platten ich glaube von Opa Jens. Runter vom Bock, aber wohin? Weit und breit kein Busch. Also seinen Anstand kurz vergessen und hinter das Bushäuschen gehockt. Grandios. Bis Passau ging es ja dann zum Glück auch recht entspannt weiter. Nach der Abendpause ging es also in die Nacht und mit der Nacht kamen dann auch die langerwarteten Probleme mit meinen Hufen. Das rechte Knie fing an zu muckern und in der linken Kniekehle verspürte ich ein nie dagewesenes Ziehen. Offenbar war der Sattel etwas zu hoch was die Sehnen reizte. Ich konnte das Bein kaum noch beugen. Wohl dem der sich vor einem Ultramarathon mal auf mehr als 200 km testet. Ab der Nachtpause war also Voltaren salben angesagt. Ich hoffe Salben steht nicht auf Herrn Steiners Dopingliste und ich werde nicht nachträglich disqualifiziert. Wirklich geholfen hat es zumindest in der Nacht nichts. Auch die 3 paar Beinlinge brachten keine Verbesserung. Ich hatte große Bedenken bezüglich meines Durchkommens, da der eigentliche Hammer ja noch bevorstand. Durch die Nacht bin ich dann ganz gut gekommen. Irgendwie macht mir das nicht so viel aus. Viele andere hatten da in den Morgenstunden offenbar mehr Probleme. Mit der Abfahrt aus Bruck ging es in die entscheidende Phase. Schon am Einstieg musste ich fasst alle ziehen lassen. Das machte mir Angst. Die Knie taten immer noch weh, also nutzte ich den ewig langen Anstieg um an einer neuartigen Schub-Drück-Technik zu arbeiten. Tatsächlich wurden die Schmerzen weniger. Durch die wiedergewonnen Lebensfreude konnte ich mich langsam von hinten weiter vor würgen. Am Fuschertörl rief mir dann Jens zu, dass ich eine halbe Stunde auf Thomas und Sten Rückstand hatte. Das war schon ein kleiner Tiefschlag, andererseits war ich auch recht entspannt unterwegs gewesen und hatte mich an den schneebedeckten Gipfeln ergötzt. Auf der Abfahrt schloss ich zu Sam auf und gemeinsam rollten wir in die wohl schönste Pause der Tour. Sonnenbaden  auf der Elbspitze, ein Traum. Das hatte ich das ganze Jahr noch nicht. Nach der vorletzten kleinen „Überführungsetappe“ sollte es dann also losgehen. Nach der ganzen Huddellei hatte ich mich schon vor längerer Zeit von meinem ursprünglichen Ziel verabschiedet. Vielleicht war es aber auch nur das fehlende Selbstvertrauen. Ich lies Thomas und Sten fahren und hängte mich an Sirko und Sam. Eigentlich wollte ich nur noch möglichst schnell ins Ziel, um dann endlich keine Berge mehr fahren zu müssen. Die Auffahrt zum Plöckenpass lief gut. Lange konnten wir auch das Spitzenduo noch erspähen. Am Ravascletto lief es sogar noch besser und ich war total überrascht als Sam auf einmal reissen ließ. Ich dachte der Mann platzt nie. Erst wollten wir warten, aber Zdenek rief uns zu weiterzufahren. Er war wirklich breit. Nun sollte es also zum kleinen Revival der Elbspitze 2012 kommen, nur diesmal nicht um Gelb. Bei wohlig warmen Temperaturen fuhren wir in meinen „Hausberg“. Hausberg daher, weil ich den Zoncolan dieses Jahr bestimmt schon 5 mal als Video auf meiner Rolle im Winter gefahren war. Irgendwie fühlte es sich da nur etwas einfacher an. Die Realität sah anders aus. Ich bin noch nie einen Berg so hochgeeumelt. Das Ding war so steil, dass man nur  2 oder 3 Stellen hatte um überhaupt mal zur Flasche greifen zu können und dabei nicht umzufallen. Am Anfang lies ich Sirko vor, damit wir uns beim schlängeln nicht gegenseitig umfuhren. Zu schmal war der Weg für ein Duell Seite an Seite. Von hinten musste ich dann mit ansehen, wie er langsam immer weiter entwich. Nicht viel aber merklich. Nach gut 700 hm kam ich plötzlich wieder ran. Sirko gab komische Grunzlaute von sich und in einer Kurve scherte er aus um nachzutanken.  Mit Demut ging ich innen vorbei und erhöhte das Tempo. Moralisch fuhr ich die ganze Zeit 400 hm hinter Sirko. Schließlich hatte er von Anbeginn der Tour seine Kraft für die Gruppe investiert und insbesondere die Nacht fast komplett im Wind verbracht. Auch die 12 Berge vorher dienten ihm nicht zur Regeneration. Ich dagegen war sehr dosiert gefahren. Moral hin oder her, jetzt musste geschlachtet werden. Ich hielt das Tempo soweit möglich oben, weil ich wusste das Sirko nicht einfach aufgibt. Niemand kann sich so quälen wie er. Mit Magenkrämpfen kam ich aus dem letzten Tunnel und vernahm vom Gipfel die ersten „Hilde“-Rufe. Den Tränen nahe schraubte ich mich die letzten Kehren hoch, wo ich vom halben Betreuungsteam und den beiden Erstplatzierten lautstark empfangen wurde. Ganz groß. Kurz danach kam auch schon Sirko aus dem Tunnel geschossen. Er hatte sich wie erwartet erholt und war mir wieder näher gekommen. Wahnsinn.
Auch wenn mein Traum von einem Trikot nicht in Erfüllung gegangen ist, bin ich überglücklich und sehr stolz ein Teil der Elbspitze 2013 gewesen zu sein. Die Trikots sind alle genau dort wo sie hingehören.

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